Missbrauch in Kinderheimen

Die katholische Kirche verliert nicht gern die Kontrolle

"Hiermit möchte ich Ihnen umgehend mitteilen, dass ich Ihre Zuschrift gelesen habe und Sie bitten, alles was Sie für die Arbeit des Ausschusses aus Ihrer eigenen Erfahrung wichtig finden, mir zuzusenden."

Das hat mir Antje Vollmer, ehemals Bundestagsvizepräsidentin und ab 2009 Vorsitzende eines Bundestagsausschusses zur Aufklärung von Missständen in Kinderheimen, am 15. Dezember 2008 geschrieben. Zuvor hatte sich der Petitionsausschuss zwei Jahre lang mit dem Thema beschäftigt. Der Ausschuss beschränkte sich auf die 50er-, 60er- und 70-er Jahre. Das war der erste Fehler, denn auch später hatte es Missbrauchsfälle in Heimen gegeben.

Jetzt hat die katholische Kirche Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Institut Niedersachsen den Aufklärungsstuhl vor die Wissenschaftstür gestellt - und fast alle Printmedien (die sich gern als Qualitätserzeugnisse sehen) drucken dazu eine Meldung ab, die von der Deutschen Presseagentur stammt. Darin heißt es: "Die katholische Kirche hatte mit dem Forschungsprojekt auf den Missbrauchsskandal reagiert, der sie 2010 erschüttert hatte."

Würde bedeuten: Die Petitionen, die Heimkinder an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages geschickt haben, um endlich eine breite öffentliche Diskussion in Gang zu setzen, erschütterten die katholische Kirche weder 2006 noch 2007, auch nicht 2008 und nicht 2009.

Vor sieben Jahren erschien das "Spiegel"-Buch "Schläge im Namen des Herrn: Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik Deuschland". Peter Wensierski erinnerte auch an den Kampf von Ulrike Meinhof gegen Missstände in Kinderheimen, die seinerzeit zu 80 Prozent unter kirchlicher Leitung standen. 1971 kam "Bambule - Fürsorge. Sorge für wen?" auf den Buchmarkt. Der Film dazu war 24 Jahre lang verboten. Die Tatsache, dass Ulrike Meinhof in die Terrorszene abgedriftet war, dürfte nicht der einzige Grund für dieses Verbot gewesen sein.

Zwei Jahre nach dem "Spiegel"-Buch von Peter Wensierski erschien bei www.lulu.com meine Broschüre "Papa, böse Kinder kommen in böse Kliniken". Danach meldeten sich viele ehemalige Heimkinder bei mir. Ein Jahr später erzählte ich in "Zwei Fälle für Kommissar Internet - Holzen und Dalheim" die Geschichte von zwei Kinderheimen. Zu den Lesern gehörte auch ein Polizeibeamter aus Holzminden, der wegen eines angeblichen Mordes in Holzen ermittelt hatte: "Sie haben das fantastisch beschrieben."

Die katholische Kirche jedoch blieb unbeeindruckt? Bis sie 2010 den Skandal nicht mehr verheimlichen konnte, weil andere ihn öffentlich gemacht hatten? Da das wohl so ist, muss man sich nicht darüber wundern, dass Christian Pfeiffer und sein Kriminologisches Institut Niedersachsen den Forschungsauftrag wieder verloren haben. Sonst hätte die katholische Kirche irgendwann ein weiteres Mal die Kontrolle über das verloren, was die Öffentlichkeit erfahren soll und was nicht...


Kommentare

Beliebte Posts